es gibt keine kostenlosen dienste. es gibt dienste, deren preis nicht in geld bezahlt wird.
das ist keine metapher. es ist eine buchhalterische tatsache. server kosten geld. entwickler kosten geld. infrastruktur kostet geld. wenn ein dienst keinen preis hat, hat er eine andere einnahmequelle. diese einnahmequelle ist in nahezu allen relevanten fällen dieselbe: daten.
was surveillance capitalism ist
shoshana zuboff hat 2019 in the age of surveillance capitalism beschrieben, was bis dahin als geschäftsmodell existierte, aber keinen namen hatte. die kernthese: verhaltensdaten sind rohstoff. wer verhalten erfasst, kann es vorhersagen. wer vorhersagen kann, kann sie verkaufen.
das ist präzise was google, meta, amazon, microsoft und tausende kleinere unternehmen tun.
google verarbeitet täglich mehrere milliarden suchanfragen. jede anfrage ist datenpunkt: was interessiert diese person, wann, wo, in welchem kontext. über 20 jahre akkumuliert ergibt das ein persönlichkeitsprofil, das kein mensch bewusst erstellt hätte.
meta weiß, was nutzer anschauen — nicht nur was sie liken. die verweildauer pro post wird gemessen. wer wie lange bei welchem inhalt bleibt, verrät mehr als jedes explizite feedback. meta weiß, wann nutzer traurig sind. es hat intern dokumentiert, dass es das weiß — und dass es diese information nutzt, um werbung zu platzieren.
das ist nicht spekulation. es ist in internen dokumenten belegt, die durch whistleblower und gerichtsakten öffentlich wurden.
wie das system funktioniert
der mechanismus ist dreistufig.
erste stufe: erfassung. jede interaktion mit einem kostenlosen dienst erzeugt daten. suchanfragen, klicks, verweildauer, standort, gerätedaten, verbindungsdaten. die erfassung ist vollständig — kein moment, der nicht dokumentiert wird.
zweite stufe: aggregation. einzelne datenpunkte haben wenig wert. kombiniert ergeben sie profile. google verknüpft suchanfragen mit standortdaten mit youtube-verhalten mit gmail-inhalten. meta verknüpft facebook mit instagram mit whatsapp. amazon verknüpft kaufverhalten mit suchverhalten mit sprachbefehlen über alexa.
das cross-device tracking geht weiter: ein profil, das auf einem gerät beginnt, wird auf allen geräten desselben nutzers fortgeschrieben. phone, tablet, laptop, smart-tv. die geräte kommunizieren nicht miteinander. die profile tun es.
dritte stufe: verwertung. profile werden in echtzeit versteigert. real-time bidding (rtb) bedeutet: wenn eine webseite geladen wird, findet in millisekunden eine auktion statt. werbetreibende bieten auf den nutzer — nicht auf den platz. der meistbietende bekommt die impression.
was dabei gehandelt wird, ist nicht abstrakt. es ist: diese person, 34 jahre, münchen, hat gestern nach scheidungsanwälten gesucht, ist seit 11 monaten ohne job, hat letzte woche eine ferienwohnung in südtirol gebucht. was willst du ihr zeigen?
warum kostenlose apps anders sind
app-entwickler brauchen einnahmen. die einfachste möglichkeit: sdks von werbenetzwerken einbinden. diese bibliotheken werden in die app integriert und sammeln selbstständig daten — oft ohne dass der entwickler vollständig weiß, was gesammelt wird. im austausch erhält der entwickler einen anteil der werbeeinnahmen.
das bedeutet: eine fitness-app, die aufrichtig trainingsfortschritt tracken will, enthält trotzdem drei werbe-sdks, die standort und gerätedaten an externe server schicken. nicht weil der entwickler es will. weil es das einzige wirtschaftliche modell ist, das für kostenlose apps existiert.
exodus privacy hat das systematisch dokumentiert. 74 prozent aller analysierten android-apps enthalten mindestens einen tracker. 25 prozent enthalten mehr als fünf.
was "datenschutzfreundliche" alternativen bedeuten
es gibt dienste, die ehrlicher sind. protonmail verschlüsselt e-mails ende-zu-ende und finanziert sich über bezahl-abonnements. signal verarbeitet so wenig metadaten, dass es bei gerichtlichen anfragen kaum etwas herausgeben kann. duckduckgo speichert keine suchanfragen.
diese alternativen sind nicht perfekt. protonmail-metadaten sind nicht verschlüsselt — wer wann an wen schreibt, kann ausgewertet werden. signal ist open source, aber der betrieb hängt an einer us-amerikanischen stiftung. duckduckgo nutzt microsoft-infrastruktur für teile seiner suche.
es gibt kein system ohne schwachstellen. es gibt unterschiede im ausmaß der überwachung — und im geschäftsmodell dahinter. wer mit eigenen ressourcen seinen lebensunterhalt verdient, hat keinen strukturellen anreiz, nutzer zu überwachen.
wer kostenlose dienste anbietet, hat ihn.
das grundprinzip
jedes kostenlose produkt beantwortet dieselbe frage: wer zahlt, damit dieses produkt existiert?
wenn die antwort werbetreibende sind: die zahlen für zugang zu nutzerdaten.
wenn die antwort venture capital ist: das vc erwartet irgendwann monetarisierung — fast immer über daten.
wenn die antwort eine non-profit-organisation ist: prüfen, wer die finanziert.
wenn die antwort unklar ist: das ist die antwort.
kostenlos ist ein preisnachlass, den jemand anderes bezahlt. in der digitalen wirtschaft ist dieser jemand immer derselbe: wer die daten bekommt.